"Uga uga ugga". Verzerrte Gesichter schlurfen mit hängenden Schultern und ruckartigen Kopfbewegungen durch den sonnendurchfluteten Saal. Sie stoßen immer wieder dieses laute "Uga uga ugga" aus. Dann erstarren sie wie auf ein unsichtbares Kommando und sind mucksmäuschenstill. Wenige Sekunden später füllt sich die Aula mit einem wilden, spitzen "Iiiha!" und ekstatischen Schwimmbewegungen. Plötzlich wieder diese gespannte Stille. Der unbeteiligte Betrachter wendet sich verwirrt vom Schlüsselloch der großen Saaltür ab und verlässt mit eiligen Schritten den Ort des Geschehens.
Eine Woche später: Menschen verschiedenen Alters stehen im Kreis. Brüllendes Gelächter erfüllt den Raum und dringt durch die Schule. Bäuche werden gehalten, Schenkel geklopft. Die Lachsalve wandert von einem zum anderen durch den Kreis. Plötzlich sind alle todernst, als wäre nichts gewesen. Der unbeteiligte Betrachter ist aufs Neue irritiert und flüchtet.
Was er nicht weiß: Er ist Zeuge geworden des üblichen Aufwärmtrainings der Theater-AG. Er hat mit dem "Idiotentanz" und dem "Lachkreis" typische warm-ups beobachtet - und natürlich nichts verstanden. Vielleicht meidet er aber nach der Lektüre dieser Zeilen nicht mehr angstvoll diesen Ort.
Nach dem Warm- und Lockerwerden geht’s in die Szene. Denn die Bühnenbretter wackeln immer noch! In diesen Wochen mehr denn je, die Theater-AG plant nämlich einen neuen Streich: Hofmannsthals "Jedermann" diesmal nicht in Salzburg, sondern in Kaiserslautern. Doch Moment:
Dürrenmatts tragische Komödie "Der Besuch der alten Dame", auf die die Wahl der Schüler gefallen war, forderte im Jahr 2003 die Schauspieler auf ganz besondere und ganz unterschiedliche Weise. Nachdem Herr Körner seine Ära als Theater-AG-Leiter nach der amüsanten und äußerst unterhaltsamen Aufführung von "Willi Tell" im Herbst 2001 beendet hatte, mussten Lücken, die bewährte - und äußerst spiellustige - Schauspieler der damaligen 13. Jahrgangsstufe hinterließen, gefüllt werden, die "alten" mussten sich an die "Neue", Frau Gaisbauer, gewöhnen und die neuen Darsteller Erfahrungen sammeln. All dies klappte nicht zuletzt durch einen dreitägigen Theater-Workshop mit professioneller Unterstützung durch eine Theaterpädagogin sehr gut, so dass die Motivation bis zur Aufführung anhaltend hoch war. Nach einer Zeit der Eingewöhnung fanden sich alle immer mehr in die Inszenierung ein und entwickelten eigene Vorstellungen, wie das Endprodukt aussehen sollte. Was nicht hieß, dass die Vorschläge der "Chefin" nicht mehr gutmütig gehört wurden. Aber sie wurden immer kritisch unter die Lupe genommen und mangelnde Zustimmung mitunter lauthals artikuliert! So scheiterte die Idee, die alte Dame untermalt von Abbas "Money, money, money" in Güllen, sprich die Aula, einziehen zu lassen mit Pauken und Trompeten. Als kleines Trostpflaster durften dann aber die gelben Schuhe durch Handys ersetzt werden. Immerhin. Unvergessen bleiben außerdem die feuerroten Haare der alten Dame, der mit einer gehörigen Portion Mut zur Lächerlichkeit durchgestandene Auftritt als Reh, aber auch die ungewöhnliche Bereitschaft von Herrn Hollstein, sich "im Namen der Gerechtigkeit" von den Güllenern ermorden zu lassen. Auch ihm, so schien es, hat es Spaß gemacht! Und nach der ersten Feuerprobe war aus den vielen verschiedenen Einzelpersönlichkeiten ein Gruppe geworden, in der jede und jeder seine "Rolle" gefunden hatte.
Im Jahr 2004 stellten die Schultheatertage am Pfalztheater für die jungen Schauspieler ein besonderes Erlebnis und eine außergewöhnliche Herausforderung dar - war es doch ungleich aufregender, in einem richtigen Theater mit professioneller technischer Unterstützung und vor viel breiterem Publikum Kostprobe seines Könnens zu geben als dies "nur" in gewohnten Gefilden zu tun. Die Vorbereitungen für die zwei Schulaufführungen und die Vorstellung auf der Werkstattbühne des Pfalztheaters verlangten dementsprechend allen Beteiligten einiges an Kraft, Zeit, Engagement ab. Ganz zu schweigen vom Lampenfieber! Dass sich das im Nachhinein auf jeden Fall gelohnt hat, darin waren wir uns alle einig.
Bevor die Rheinpfalz aber berichten konnte, dass "die Zeitlosigkeit menschlichen Verhaltens in einer gekonnt launigen Inszenierung des Stoffs" dargeboten wurde, war es ein langer Weg. Zunächst galt es, die Aktualität des aus dem Anfang des 19. Jahrhundert stammenden Lustspiels "Die deutschen Kleinstädter" von August von Kotzebue herauszuarbeiten, die nötigen Sprachfertigkeiten einzuüben ("Bau-, Berg- und Weginspektorsubstitut") und sich an das Genre der "Komödie" zu wagen. Dabei kam insbesondere die komödiantische Naturbegabung einiger DarstellerInnen, aber auch die wachsende Bereitschaft aller, sich ziemlich peinlich und unmöglich aufzuführen, dem Stück zugute. Doch so ganz ohne Diskussionen geht Theaterarbeit nie ab! Mit anfänglichen Berührungsängsten ("So verhält sich doch kein Mensch! Das glaubt uns niemand!"; "Was haben Borstdorferäpfel denn mit E.s Busen zu tun?") und konkreten Widerständen ("Was soll das denn mit dem Schnellsprechen?"), die häufig aus der mehr oder minder großen Diskrepanz zwischen der Experimentierfreude von "Madame Corail" (Gaisbauer) und dem Rest des Ensembles resultierten, setzten wir uns in anstrengenden, aber immer interessanten und fruchtbaren Gesprächen auseinander. Und diese endeten mitunter in einer völlig neuen, besseren Idee. Drei gelungene Aufführungen und viel Zuschauerlob zeigten uns allen, dass dies der richtige Weg ist, entschädigten jede Mühe und gaben einen kräftigen Motivationsschub für weitere "Schandtaten".
Das Repertoire des "Burgtheaters" soll abwechslungsreich und anspruchsvoll bleiben. Anspruchsvoll war insbesondere die letzte Produktion, die auch während der Schultheatertage am Pfalztheater aufgeführt wurde. Unerschrocken und zuversichtlich wurde Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" von den Schülerinnen und Schüler angegangen und durch deren Spielfreude und Engagement ein großer Erfolg.
Die Spielfreude und die Inspirationen des Burgtheaters, mittlerweile um einige bewährte Spieler ärmer, aber auch um begabte Neuzugänge reicher, ist ungebremst. Und so heißt es auch jetzt wieder: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel...
In der Theater-AG zu sein bedeutet also weitaus mehr, als "nur" in eine Rolle zu schlüpfen. Das zu lernen und zu können ist dennoch großartig, setzt mitunter ungeahnte Begabungen frei und führt manchmal sogar zu einer aufschlussreichen Selbsterkenntnis. Darüber hinaus macht es aber auch einfach Spaß, sich zu verkleiden und in eine ganz andere Persönlichkeit zu schlüpfen oder die eigene ganz ungehemmt ausspielen zu können. Burgtheatler zu sein, heißt aber auch, sich neugierig mit Literatur auseinander zu setzen. Produktiv am Arbeits- und Interpretationsprozess teilzuhaben. Kreativ neue Wege zu gehen. Verantwortung für das Gelingen eines gemeinsamen Projekts zu tragen. Und sich und seine Wünsche mit denen der anderen in Einklang zu bringen, auf neudeutsch: Teamfähigkeit zu beweisen. Das erfordert neben Zuverlässigkeit auch Offenheit für Ungewohntes - eben die Bereitschaft, eigene spontane oder gewachsene Einstellungen in Frage zu stellen und aufgeschlossen für Neues zu sein. Damit lernen alle mehr, als nur gut zu schauspielern.
19.05.2012 16:36:20
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